Wellnesscheck mit Reinhold Bilgeri

Hollywood made in West-Austria

Da sage noch einer, dass Österreich zu klein und unbedeutend sei, großes Kino zu machen. Wo ein leidenschaftlicher Wille, da ein produzierender Weg. Wo ein authentischer Stoff, da eine emotionale Umsetzung. Und wo Vorarlberger Ehrgeiz, da ein Reinhold Bilgeri, der sein 2005 veröffentlichtes Buch in Eigenregie nun auf die Leinwand bannte. „Der Atem des Himmels“ als Hommage an die Lebensgeschichte von Mutter Ilse, heute 98 Jahre alt. Um nach aufregenden und spannenden Zeiten rund um die Produktion und Kino-Premiere die Seele wieder etwas baumeln zu lassen, entspannte sich der Rock-Popper, Buchautor und Filmemacher bei der Familie Mattersberger im Wellnesshotel Engel in Grän. Und war dem Atem des Himmels hier auf wohltuend engelsgleiche Art ganz nahe ... WellHotel-Redakteurin Renate Linser-Sachers durfte ihn dabei begleiten.

WellHotel: Was veranlasst einen Lehrer, der die 80er- und 90er-Jahre rockte, zum Buchautor und in Folge zum Leinwandproduzenten zu mutieren?

Reinhold Bilgeri: Ich wollte mich komplettieren als Künstler – als Musiker, Schriftsteller und Filmemacher. Jetzt bin ich endlich in Balance.

WellHotel: Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, die Lawinenkatastrophe war 1954 bittere Realität, Ihre Mutter damals mittendrin in der Tragödie. Also ein hoher emotionaler Faktor ...

Reinhold Bilgeri: Ein Teil der Geschichte ist authentisch, ein Teil Fiktion. Meine Mutter stammt tatsächlich aus dem Geschlecht derer von Gaderthurn, fand als Lehrerin im Großen Walsertal die große Liebe ihres Lebens. Die Katastrophe hat sie nur teilweise und nicht mittendrin erlebt. Der Mann, welcher der Figur des Eugenio Casagrande Pate stand – Eugen Dobler, einer von Mutters Kollegen –, war allerdings tatsächlich mitten im Geschehen, hat dabei alles verloren, aber überlebt. Er ist grade 100 geworden, meine Mama 98 ...

WellHotel:  Die Premiere auf der Bregenzer Seebühne im August war begleitet von viel Prominenz und medialem Echo, in den Kinos läuft der Film seit kurzem. Zufrieden mit der bisherigen Resonanz?

Reinhold Bilgeri: So was wie diese Premiere (zwei Mal die Seebühne ausverkauft – insgesamt 14.000 Tickets) ist, glaube ich,  unwiederholbar. Wir waren tagelang wie in Trance. Der Film entwickelt sich auch an den Kinokassen ganz toll – wir stehen nun knapp vor 40.000 Besuchern und sind damit der zurzeit erfolgreichste österreichische Film.

WellHotel: Ihre Gattin Beatrix (Miss Vorarlberg 1981, Anm.) bekleidet die Hauptrolle, Tochter Laura (15) ist auf der Leinwand ebenfalls präsent. Erhöhte diese Konstellation das Konfliktpotenzial während der Dreharbeiten?

Reinhold Bilgeri: Im Gegenteil, die Arbeiten waren trotz vieler Stresssituationen höchst harmonisch und in jeder Hinsicht intensiv. Wenn man sich wirklich liebt, wächst man in solchen Situationen eher zusammen als auseinander.

WellHotel: Wen möchten Sie mit Ihrem Film ansprechen? Kritiker bescheinigen ja einen gewissen Hang zu „Rosenresli“ & Co ...

Reinhold Bilgeri: Also die meisten Kritiker haben auf den Film sogar euphorisch reagiert. Im Kurier: „Ein imponierender Coup, ein Heimatfilm im besten Sinne“, in der Kronenzeitung: „Ein Heimatfilm der anderen Art, ehrlich, besonnen, bewegende Lokalchronik, aufwühlende Lovestory. Eine zutiefst berührende cineastische Verbeugung vor jenen, die den eisigen Tod fanden“  usw. Ein einziger Kritiker brachte das Wort „Rosenresli“ ins Spiel, und genau damit hat der Film rein gar nichts zu tun. Es kommen weder Dirndl, noch Almrausch vor, sondern das reale Leben von Bergbauern - aber böse Giftspritzen muss es unter Kritikern immer geben.

WellHotel: Apropos Kritik – wie gehen Sie mit dieser generell um?

Reinhold Bilgeri: Sehr gelassen. Wenn man Kritik nicht aushält, darf man sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

WellHotel: Hatten Sie nie Bauchweh, sich in das (finanzielle) Abenteuer Kinofilm zu stürzen?

Reinhold Bilgeri: Bauchweh ja, aber noch mehr Zuversicht - und die scheint sich zu bestätigen.      

WellHotel: Sie wurden im März (wirklich unglaubliche) 60 Jahre alt -  lässt die „Altersweisheit“ bereits grüßen?

Reinhold Bilgeri: Die Sache mit der Altersweisheit war mir schon immer suspekt. Eine gewisse Abgeklärtheit zieht ein, Selbstdistanz und ja, Gelassenheit – das sind die Positiva des Alterns.

WellHotel: Ansichten und Werte verändern sich im Laufe des Lebens – welchen sind Sie immer treu geblieben?

Reinhold Bilgeri: Würde, Respekt, Verlässlichkeit -  eine Sache, die begonnen wird, zu Ende bringen.

WellHotel: Sie bezeichnen sich als totalen Familienmenschen und führen seit 21 Jahren eine skandalfreie Ehe mit Beatrix. Gibt’s ein Geheimrezept?

Reinhold Bilgeri: Liebe und Respekt.

WellHotel: Die Legende sagt, dass Sie damals der Frauen wegen Popstar werden wollten ...

Reinhold Bilgeri: Die Legende hat Recht ..., natürlich war’s auch die Liebe zum Rock‘n Roll.

WellHotel: Sie haben 1981 den Beruf des Lehrers zugunsten Ihrer Solokarriere an den Nagel gehängt. Nie wieder pädagogische Sehnsucht verspürt?

Reinhold Bilgeri: Nein.

WellHotel: Wobei können Sie so rundherum abschalten, entspannen und den „Herrgott einen guten Mann sein lassen“?

Reinhold Bilgeri: Am Meer, im Wald, auf Gipfeln – oder in einem Wellnesshotel ...