Warum wird ein innovatives Tourismusprojekt wie das Natur-Refugia bekämpft? Versuch einer Analyse

Von Michael Klimesch

Die Vorzeichen für das Naturrefugia am idyllischen Obernbergersee in der Nähe des Brenners würden eigentlich passen: Gerhard Stocker, Unternehmer und Ex-Präsident des FC Wacker Innsbruck, möchte den bisherigen Ausflugsgasthof zu einer innovativen und gleichzeitig ökologisch nachhaltigen Anlage mit 40 Übernachtungsmöglichkeiten ausbauen. Gewählt hat er die Refugias, welche vom erfahrenen Hotelplaner Hansjörg Krißmer entwickelt worden sind. Die Grundidee dahinter: Stahltanks werden in das Erdreich eingelassen und sind als Zimmer, Weinkeller oder Wellnessbereiche eingerichtet. Ganz nach dem Motto der Bauherren: die Natur als Gastgeber. Obwohl der Gemeinderat einstimmig für das Projekt stimmte und sämtliche Widmungen positiv erledigt worden sind, regt sich heftiger Widerstand.

Gerade die Architektenkammer in Innsbruck, die ja eigentlich Innovationen positiv gegenüberstehen sollte, machte Stimmung gegen das Naturrefugia. Es wurde gar eine Online-Plattform zur „Rettung des Obernbergersees“ freigeschalten, welche, gestützt durch eine aufwändige Medienkampagne, auf 6000 Unterstützer verweisen kann. Wie konnte es in Tirol, einer der touristisch erfolgreichsten Region der Welt, soweit kommen? 

| Innsbrucker Interessen | Trotz aller touristischer Erfolge in den Tiroler Tälern, trotz alljährlicher Großinvestitionen der Hotellerie hat der Tourismus vor allem in der Landeshauptstadt nach wie vor in bestimmten Kreisen einen geringen Stellenwert. Allzuschnell wurde vergessen, dass dieser bekanntlich viel dazu beigetragen hat, dass die Krise bei uns wesentlich weniger hart zu spüren war als in Resteuropa. Dieser zu geringe Stellenwert ist auch die Erklärung dafür, warum ein bisher noch nie dagewesenes Projekt wie das Natur-Refugia mit derartigem Gegenwind zu kämpfen hat. Und das obwohl es komplett durch Privatpersonen ausfinanziert ist, sämtliche umwelt- und raumordnungsspezifischen Auflagen erfüllt und darüber hinaus mit 40 Schlafmöglichkeiten keineswegs in den Bereich „Gigantismus“ fällt. Um das nicht in die falsche Kehle zu bekommen: selbstverständlich hat sich der Tourismus an umweltpolitische Vorgaben zu halten und darf nicht als Selbstzweck alle Grenzen der alpinen Bergwelt sprengen. Im Falle des Obernbergersees beschleicht einem jedoch eher das Gefühl, dass gekränkte Eitelkeiten sowie persönliche Interessen aus Innsbruck wichtiger sind als die Entwicklung in einer absoluten Fremdenverkehrs-Randregion. Natürlich müssen auch die Gegner des Projektes gehört werden, aber auf einer sachlichen Ebene, welche die Gesetze und Verordnungen des Landes Tirol miteinbezieht.

| Innovation und Emotion | Nun liegt es in der Natur der Sache, dass ein erstmalig umgesetztes Projekt für Diskussionsstoff sorgt. Unzählige Hoteliers setzen auf außergewöhnliche Architektur und Ideen, um neue Gästeschichten zu erobern und mittels dem Thema Design im Marketing einen Vorteil zu erzielen. Die Diskussion über neue Formen der Beherbergung macht ein Projekt interessant für neue Gästeschichten. Gerade deshalb verwundert es, dass in der bisher veröffentlichten Medienmeinung die Argumente der Investoren nur am Rande erörtert wurden. Im Magazin WellHotel möchten wir versuchen, einige Irritationen aufzuklären und auch die Seite des Bauherrn zu erörtern. „Der Name Natur-Refugia bezieht sich sowohl auf die einmalige Schönheit der Landschaft als auch auf einen komplett neuen Ansatz der Gästeunterbringung: Von der Beherbergung über die Betreuung bis hin zur Verpflegung ist im Refugia alles von der Natur abgeleitet und in die Natur eingebunden. So ist es möglich, diese in einer neuen Dimension ganzheitlich zu erfassen, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu begreifen“, erklärt Gerhard Stocker die Grundphilosophie, die also keineswegs negativ in das Öko-System Obernbergersee eingreifen will. 

| Natur spüren, Kraft tanken | Leben, Wohnen und Schlafen im Wechselspiel mit der Natur soll im Refugia mit den Annehmlichkeiten moderner Gastronomie und Touristik vereint werden. Jeder Gast entscheidet entsprechend seiner Bedürfnisse, wie er seinen Urlaub in und mit der Natur erleben will. Angesprochen sind, laut Planer und Betreiber, Urlaubs- und Ausflugsgäste, denen die Wertigkeit der außergewöhnlichen Wohn- und Aufenthaltsqualität sowie die Qualität der Versorgung und Betreuung bewusst sind und die diese auch mit Freude und entsprechender Wertschätzung honorieren. Die Projektfläche beträgt 3486 Quadratmeter und befindet sich am Nordufer des Obernbergersees. Aufgrund der baufälligen Substanz des Altbestandes ist eine Renovierung oder Komplettsanierung nicht möglich, ein Abriss also zwingend notwendig. Der Neubau wird auf der gleichen Fläche entstehen und ist als Urlaubs- und Ausflugsziel vorgesehen. Das Zentrum des Natur-Refugia Obernbergersee ist der See-Hof mit 100 Sitzplätzen und einer vorgelagerten Terrasse für ca. 150 Personen. Im ersten Stock des Hauptgebäudes soll ein „Ort der Begegnung“ entstehen mit Räumlichkeiten, die vielseitig genutzt werden können – unter anderem für Seminare, Schulungen, Kreativworkshops, Lesungen oder Vortragsreihen. Darüber hinaus sind in diesem zentralen Gebäude die Personalunterkünfte und die gesamte Technik der Anlage untergebracht. Um das Zentrum herum entstehen zehn Wohnsuiten, so genannte Wohn- Refugias, die in das natürliche Gelände eingebettet werden. Die nach den Elementen gestalteten Refugias bieten 40 Personen eine spürbar naturnahe Unterkunft. Zusätzlich entsteht auf demselben baulichen Prinzip wie die Wohn-Refugia ein öffentlich zugänglicher Indoor- und Outdoor-Erholungsbereich mit Sauna, Dampfbad und Ruhe-Refugia. 

| Streitpunkte und Kontroversen | Wie bei jedem Projekt, bei dem etwas Neues an einer besonderen Örtlichkeit entsteht, gibt es auch beim Natur-Refugia Obernbergersee Streitpunkte und Kontroversen. Leider würden, nach Meinung der Verantwortlichen, die Kritiker meist übersehen, dass das Natur-Refugia eine in hohem Maße ökologisch und sozial nachhaltige Ausrichtung verfolge, wie sie bei kaum einem anderen Tourismusprojekt gegeben sei. So sieht sich Grundstückseigentümer und Bauherr Gerhard Stocker mit Familie weder als Investor oder Gastgeber, sondern als „Ermöglicher“ und Impulsgeber für die Region. Das bedeutet, dass die Familie das Grundstück für dieses einzigartige Tourismusprojekt zur Verfügung stellt und das Projekt mit einem Team von Gleichgesinnten aufbereitet und umsetzt. Um das Projekt in Übereinstimmung mit seiner Örtlichkeit umzusetzen, soll beim Bau mit größter Sorgfalt vorgegangen werden: Die naturintegrierte Bauweise und die Wiederverwendung, Belassung und Aufbesserung von altem Gehölz, bestehendem Mauerwerk, großen Steinen und Monolithen sind Ausdruck des Respekts vor der Natur. Die Wohn-Refugias sind weitgehend energieautark, und für die Entwicklungs- und Bauphase kommen in erster Linie Personen und Firmen aus der Region in Frage. Gerhard Stocker abschließend: „Dieser uneingeschränkt respektvolle Umgang mit der Natur und den Menschen in der Umgebung bildet beim Projekt am Obernbergersee immer die leitende Maxime.“ Auf Stockers Firmengelände kann übrigens ein Muster-Refugia jederzeit besichtigt werden.

| Fazit | Man darf also gespannt sein, ob das auch die prominenten Kritiker, die vor allem in Innsbruck und Umgebung sitzen, dies auch so sehen werden. Die in Kürze stattfindende Bauverhandlung gilt jedenfalls als letzter Stolperstein vor der Realisierung eines außergewöhnlichen Tourismusprojektes. Spätestens bei der Eröffnung sollten sich dann auch wieder die Wogen am Obernbergersee glätten.