
WellHotel 8 [ leitartikel ] | Michael Klimesch | | Herausgeber | Authentizität, Nachhaltigkeit, Gesund- heit oder ökologische Bauweise – immer mehr „grüne“ Schlagwörter hallen durch die mitteleuropäische Tourismuslandschaft. Die Hotellerie als klassisches Dienstleistungsgewer- be war in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich politisch neutral – sie muss sich aber intensiv mit politischen Änderungen auseinandersetzen. Erfolgreich wird die Branche nur sein, wenn sie die neuen Trends als Chance und nicht als Ge- fahr sieht. Fakt ist, dass der sogenannte „Öko-affine Gast“ nichts mehr mit der Müsligeneration der 1980er Jahre zu tun hat. Gesundheit, bewusste Lebens- weise und nachhaltiges, ökologisches Denken sind heute weit verbreitete Grundeinstellungen. In Deutschland, nach wie vor der wichtigste Gäs- temarkt Europas, sind die Grünen zu einer be- stimmenden politischen Macht geworden – und stellen im wirtschaftlich starken Bundesland Baden-Württemberg gar den Ministerpräsi- denten. Es besteht kein Zweifel: Nicht erst seit Fukushima beeinflussen ökologische Themen immer mehr unsere täglichen Entscheidungen. Und damit auch die Wahl des Urlaubsortes. Entgegen der veröffentlichten Meinung hat die Hotellerie bereits intensiv auf diesen Trend re- agiert. Fast schleichend war in den vergangenen fünf Jahren ein architektonischer Trend erkenn- bar: Materialien aus der Umgebung haben den Lederhosenstil großteils abgelöst. Stein und Holz in seiner ursprünglichen, authentischen Form siegen über argentinischen Marmor oder Hölzer aus den Tropen. In den Küchen der besten Häuser wird vermehrt auf heimische Produkte geachtet, selbst die be- kanntesten Haubenköche, welche in der ganzen Welt gelernt haben, besinnen sich auf die Tradi- tion ihrer kulinarischen Heimat. Der Barsch aus dem afrikanischen Victoriasee oder die ungari- sche Gänsestopfleber sind von den Speisekarten praktisch verschwunden. Kräuter aus der Um- gebung und Gemüse der Saison sind nun „poli- tisch korrekt“ angesagt. Immer mehr Leitbetriebe setzen auf nachhalti- gen Tourismus. In der aktuellen Ausgabe wird etwa das erweiterte Naturhotel Waldklause vorgestellt. Ein 4-Sterne-Superior-Haus, wel- ches aus Holz besteht und trotzdem mit einem einzigartigen Design besticht. Kooperationen mit den Bauern aus der Umgebung oder eigens kreierte Kosmetiklinien gehören bei der Familie Auer zur Selbstverständlichkeit – mit Erfolg, wie die vollen Gästebetten beweisen. Unzählige wei- tere Spitzenhäuser setzen ebenfalls auf nachhal- tiges Urlaubsvergnügen mit Erlebnisfaktor. Dieser ehrliche Umgang mit dem örtlichen Ur- sprung sollte jedoch nicht als Alleinstellungs- merkmal gesehen werden. Ebenso wie auch der alternativ-moderne Gast nicht in eine Schub- lade gesteckt werden kann. Selbst fanatische Träger von Gesundheitspatschen steigen hin und wieder in die Lederhose und lassen es auf dem Münchner Oktoberfest krachen. Auch ist nicht jeder Wähler der schwäbischen Grün- partei automatisch ein überzeugter Anhänger der alternativen Denkweise. Doch der Trend zu einem bewussten Umgang mit den Ressourcen ist nicht mehr zu leugnen. Die Hotellerie hat be- reits darauf reagiert: So war es noch vor einem Jahrzehnt undenkbar, dass Spitzen-Resorts mit einer atomstromfreien Energieversorgung ihres Hotels in die Werbung gehen. Wie immer im Leben, und dies gilt vor allem in der emotional intensiveren Urlaubszeit, wird es auf die richtige Mischung ankommen. Niemand will die Lederhose aus dem Alpenraum verban- nen, kein Gast will sich vor lauter politischer Korrektheit einen gemütlichen Abend an der Bar verbieten lassen. Aber das gute Gewissen wollen doch auch alle manchmal gestreichelt wissen. Egal, welcher Partei die Gäste in der Wahlzelle ihre Stimme geben. Nachhaltiger Tourismus – wie grün sind die Gäste wirklich? | „Nicht erst seit Fuku shima beeinflussen öko- logische Themen immer mehr unsere täglichen Entscheidungen.“ | l