"Es ist nicht alles Krise, wo Krise draufsteht"
Thomas Grasl im Gespräch mit Rudolf Tucek, Vorstand Vienna International Hotelmanagement AG
Die Vienna International Hotelmanagement AG (VI Hotels) gehört zu den größten Hotelbetreibern Mitteleuropas. In der jüngeren Vergangenheit setzte die Gruppe auf einen spektakulären Expansionskurs. Im WellHotel-Interview spricht der Vorstand Rudolf Tucek über weitere Pläne, die Grundsätze des Branchenriesen und touristische Trends der Zukunft.
WellHotel: Die VI Hotels sind in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, soll dieser Expansionskurs weiter verfolgt werden?
Rudolf Tucek: Um Wachstum an sich geht es uns gar nicht. Wir blicken von Hotel zu Hotel und versuchen einfach jeden Job gut zu machen. Das spricht sich herum und daraus ergeben sich neue Möglichkeiten und Angebote. Wir haben zum Beispiel einen Kunden, mit dem wir bereits über 20 Projekte abgewickelt haben. Ich denke, da müssen wir schon ein paar Dinge richtig gemacht haben.
WellHotel: Wie spüren Sie als international tätiges Tourismusunternehmen die derzeitige Wirtschaftskrise?
Rudolf Tucek: Für mich ist nicht alles Krise, wo Krise draufsteht. Natürlich ist der Tourismus durch ein geändertes Konsumverhalten von der Krise direkt und indirekt betroffen. Aber man muss differenzieren, worin diese Betroffenheit besteht. Führt die Krise bei Investoren und Banken dazu, dass weniger neue Projekte zu Stande kommen, stellt das für Betriebe, die bereits im Markt sind, keinen Nachteil dar, ganz im Gegenteil, das bedeutet zu Zeiten der Krise weniger Konkurrenz.
Für die Personen, die in der Branche tätig sind, sehe ich eine überschaubare Gefahr den Job zu verlieren, da der hochwertige Dienstleistungsbereich, in Relation zu Industriejobs, bei weitem kein so großes Rationalisierungspotenzial bietet. Außerdem geben der Markt und der Kunde in unserer Branche ein direktes Feedback – macht man seinen Job also gut, wird man ihn kaum verlieren. So ist also mein einziges Problem, bekomme ich genügend Kunden und ist meine Preisdurchsetzung richtig. Aber diese Probleme haben alle Branchen zu jeder Zeit. Ich warne jedenfalls davor, in die allgemeine Depression zu fallen, stattdessen muss man sich auf die bestimmten Einzelsituationen einstellen, danach handeln und diese als Chance erkennen.
WellHotel: Sie haben schon früh auf den osteuropäischen Markt gesetzt, sehen Sie dort noch viel Potenzial oder möchten Sie wieder vermehrt auf dem heimischen Markt präsent sein?
Rudolf Tucek: Wir sind bereits seit 20 Jahren in Osteuropa tätig und haben das Unternehmen ja auch mit der Zielsetzung gegründet, Hotels in Osteuropa zu betreiben. Die Standorte in Westeuropa sind erst im Laufe der Zeit dazugekommen. Unabhängig davon, ob es jetzt eine Wirtschaftsdelle gibt oder nicht, sind die Potenziale, die dort noch schlummern, natürlich weiter aufrecht. So hat zum Beispiel Moskau mit 16 Millionen Einwohnern weniger 4-Sterne-Hotels als Wien. Auch wenn es derzeit schwieriger sein mag, neue Projekte dort zu verwirklichen, ist das Potenzial natürlich unbestritten.
WellHotel: Welche Grundsätze verfolgen Sie bei der Planung bzw. in der Betreibung der VI-Hotels?
Rudolf Tucek: Die Grundsätze für die Planung spielen sich auf zwei Ebenen ab. Zum einen müssen sich in der Projektphase und der Realisierungsphase bestimmte betriebswirtschaftliche Parameter wie Zimmeranzahl, Flächenverhältnisse ect. wiederfinden, die einer gewissen kaufmännischen Logik entsprechen. Das ist in Österreich auf Grund der Raumordnung nur schwer umsetzbar, und darum sind wir mehr im Ausland tätig.
Zum anderen ist es wichtig, dass der Investor das richtige Motiv und eine realistische Einschätzung hat, was mit dem Projekt erzielt werden kann.
Die Betreibung betreffend haben wir unsere Managementprinzipien, nach denen wir Dienstleistung definieren; und diese versuchen wir bestmöglich umzusetzen.
WellHotel: Der Wellnessgedanke ist in der Städtehotellerie noch nicht so ausgeprägt wie in der Ferienhotellerie. Wie wichtig ist das Segment Wohlfühlen in der VI-Gruppe?
Rudolf Tucek: Ich sehe die klassische Wellnesshotellerie als Beginn einer Entwicklung in Richtung verstärkter medizinischer Vorsorge, die zum einen für den Konsumenten zunehmend an Bedeutung gewinnen wird, da wir auf ein nahezu unfinanzierbares Gesundheitssystem zusteuern und uns mehr um unsere Gesundheit kümmern werden müssen, die aber auch für den Hotelier eine große Chance bietet, den Sprung von der klassischen Ein- oder Zwei-Saisonshotellerie zum Ganzjahresbetrieb zu schaffen. Voraussetzung dafür ist, dass wir die Größenordnungen schaffen, um diese Betriebe institutionalisiert führen zu können. Das ist ein Weg, auf dem noch viele Steine liegen, vor allem in der in Österreich und der Schweiz vorherrschenden Privathotellerie. Die Stadthotellerie im Speziellen betreffend, sehe ich hier keinen flächendeckenden Trend hin zu mehr Wellness- und Gesundheitsangeboten. Das wird sich auf einzelne positive Beispiele wie Oberlaa in Wien beschränken.
WellHotel: In jüngster Zeit forcieren Sie vor allem das Thema Design, wie etwa bei den andel‘s Hotels oder dem Pannonia Tower. Welche Designmerkmale sind Ihnen wichtig?
Rudolf Tucek: Ich sehe Design als Hilfsmittel zur Differenzierung. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Es gibt einem die Möglichkeit, sich individuell zu präsentieren und sich abzuheben und bietet in der Kommunikation besondere Möglichkeiten.
WellHotel: Mit dem Royal-Spa Kitzbühel in Jochberg setzen Sie erstmals ein starkes Zeichen in der stärksten Tourismusregion Österreichs, in Tirol. Wollen Sie dort oder in Südtirol noch weiter expandieren?
Rudolf Tucek: Tirol als das Bundesland, das in Österreich die meisten Nächtigungen produziert, ist natürlich ein Thema für uns. Der Entschluss, mit dem Royal-Spa Kitzbühel ein neues 5-Sterne-Haus in Tirol zu errichten, ist von den Investoren getroffen worden. Wir arbeiten mit diesen Investoren bereits sehr lange bei zahlreichen anderen Hotelprojekten zusammen und haben die Ehre, auch dieses Haus führen zu dürfen. Tirol zählt in punkto Raumordnung, Bauvorschriften ect. nicht unbedingt zu den einfachsten Gegenden für neue touristische Projekte, aber wie uns unser Cube Hotel in Biberwier gezeigt hat, ist auch dort vieles möglich.
WellHotel: Mit den Cube Hotels haben Sie eine völlig neue Hotellerie für eine sportbegeisterte Zielgruppe erfunden. Wie sind die Erfahrungen mit den Betrieben am Nassfeld, in Biberwier und in Savognin?
Rudolf Tucek: Bei den Cube Hotels haben wir die besondere Rolle des Betreibers und des Developers. Wir haben derzeit Anfragen von über 20 Regionen in Prüfung, weil das Thema funktioniert und als Innovation erkannt wurde. Bei einer Projektdurchlaufzeit von rund zwei Jahren haben wir es geschafft, bisher jedes Jahr ein Cube zu eröffnen – und hoffen diesen Rollout in Zukunft noch steigern zu können.
WellHotel: Vienna International baut keine Hotels, pachtet diese auch nicht, sondern betreibt diese ausgestattet mit Managementverträgen. Wie weit können und wollen Sie sich bei neuen Projekten in die Planungs- und Umsetzungsarbeiten einbringen.
Rudolf Tucek: Wir versuchen die Einflussnahme darauf zu beschränken, dass wir Funktionen sicherstellen. Wir versuchen nicht die Arbeit des Architekten und Innenarchitekten zu machen, bringen aber unseren Teil und unser Know-how in den Punkten Logistik, Funktion und Ablauf ein, die für die Wirtschaftlichkeit eines Hotels eine eminente Bedeutung haben. Gelingt es uns nicht, uns dabei zu behaupten, müssten wir uns in letzter Konsequenz auch einmal aus einem Projekt zurückziehen.
WellHotel: Wie sehen Ihrer Meinung nach die Tourismustrends der Zukunft aus?
Rudolf Tucek: Fest steht, dass die Differenzierung und die Aufsplittung in deutlich mehr Zielgruppen fortschreiten werden, wie immer die Schlagworte auch lauten werden, die Trendforscher in den Raum stellen.
Es wird in unseren Breiten zwei Entwicklungen geben mit dem Ziel, es dem Kunden einfacher zu machen. Erstens wird sich der Hotelier von starren Strukturen und von Einschränkungen den Gast betreffend verabschieden müssen – Stichwort Frühstück nur bis 10 Uhr. Wir werden uns zum Wohle des Gastes von der Dominanz von Betriebsabläufen verabschieden müssen. Bei den Cube Hotels gelingt uns das bereits sehr gut.
Zweitens wird der Hotelier zum Gesamtdienstleister werden. Ein Trend, der aus dem Clubtourismus kommt, mit der Wellnesshotellerie auch bei uns Einzug gehalten hat und sich noch deutlich intensivieren wird. Der Hotelier wird in Zukunft das Gesamterlebnis Urlaub für den Gast organisieren. Es geht in Richtung One-Stop-Shopping. Der Hotelier kann das umsetzen, indem er – welche Einrichtungen auch immer – selber baut oder mit lokalen Dienstleistern in einer ganz neuen Form kooperiert.
Ein weiterer Trend wird sein, dass der Hotelier auch für die An- und Abreise des Gastes verantwortlich zeichnen wird, was punktuell zwar schon passiert, aber auf Grund gewerberechtlicher und haftungstechnischer Mankos zu großen Problemen führen kann. Hier bedarf es einer dringenden Justierung der Rahmenbedingungen.
WellHotel: Sie gelten als touristischer Visionär. Gibt es ein ganz außergewöhnliches Projekt, das Sie gerne verwirklichen würden?
Rudolf Tucek: Eigentlich bin ich ausreichend versorgt, aber Cube ist mir ein besonderes Anliegen. Das Projekt muss man noch mehr in die Fläche bringen. Wir sind von der Produktentwicklung her sehr weit, jetzt geht es darum, den Dienstleistungsansatz zu perfektionieren – und das ist für mich spannend genug! Mir geht es weniger um ein visionäres neues Projekt, sondern immer darum, das was ich gerade tue bestmöglich zu machen. Der Rest kommt dann von selbst.