Eine unemotionale Betrachtung von emotionaler Architektur
Eines vorweg: die vielzitierte Krise konnte von der Hotellerie abgewandt werden. Gute Häuser sind gleich oder gar besser gebucht als in den „rosigen Aktienzeiten“. War also die ganze Aufregung umsonst? Mitnichten, ganz im Gegenteil! Sie hat sogar eine extrem positive Auswirkung gehabt. Die Branche hat sich wieder auf ihre Stärken, auf ihren Ursprung und auch auf mögliche Alleinstellungsmerkmale im internationalen Vergleich besonnen. Ein häufig diskutierter Punkt war die Architektur im Alpenraum als Vorteil gegenüber anderen Destinationen. Grund genug, dieses – eigentlich hoch emotionale – Argument ganz emotionslos zu betrachten.
Wirkung und Gegenwirkung. Eines scheint unbestritten: In den vergangenen fünf bis zehn Jahren haben die besten Hotelarchitekten neue Wege eingeschlagen. Natürliche Materialien, die Wirkung der Umgebung auf das Gebäude, authentische Formengebung abseits des Lederhosenstils oder die Kraft der Marke wurden in den Vordergrund gestellt. Mit Erfolg, kann man rückblickend getrost behaupten. Neue, spektakuläre Hotels mit ganz eigenständigen architektonischen Lösungen und innovativen Philosophien sind entstanden. Moderne Neubauten wurden mit alten Bestandsbereichen kombiniert, visuelle Spannungsmomente entstanden – ob in den Tälern Südtirols, in den Hügelländern Ostösterreichs oder im alpinen Raum Nordtirols und Salzburgs. Also unabhängig der geographischen Lage. Fast alle Hoteliers, die auf die Architektur als Marketinginstrument gesetzt haben, können erfolgreich bilanzieren. Die Wirkung der Architektur hatte als Gegenwirkung gesteigertes Interesse zur Folge. So weit so gut!
Ohne Mix wird‘s nix. Nun können Sie, verehrte Leserinnen und Leser, getrost dagegenhalten, dass es auch genügend Erfolgshotels gibt, die auf traditionelle Werte und eine verschnörkelte Architektur setzen. Recht haben Sie, diese gibt es! Allerdings nur solche, die entweder in den letzten Jahrzehnten einen sehr hohen Stammgästeanteil aufbauen konnten, oder solche, die in großen Tourismusdestinationen beheimatet sind. Alle anderen – und wir sprechen hier von der Masse – müssen sich etwas überlegen. Es reicht nicht mehr, nur Folklore oder gar Lederhosenstil zu bieten. Der Gast will mehr. Er ist in seinem täglichen Alltag ständig mit den Themen Authentizität, Ursprung, Heimat, Ökologie, Klimaschutz und Design konfrontiert. Und zwar so intensiv, dass er sie im Urlaub nicht mehr missen möchte. Wohlgemerkt die Authentiziät, welche er am Urlaubsort vorfinden möchte und das Design, welches in die Umgebung passt. Wenn dies architektonisch gewährleistet ist und auch die Software des Hotels genau passt, dann kommt er wieder. Wie überall im Leben, kommt es auch hier auf die richtige Mischung an. Designzimmer alleine sind zuwenig, ebenfalls die Glas-Sauna in schwindelerregenden Höhen oder die Sichtbetonwand in urigen Gefilden. Architektur kann nur Stärken verstärken, aber nachhaltig keine Schwächen ausmerzen.
Wer dies beachtet, wird zu den Gewinnern gehören. Denn eines ist sicher: der Lifestyle der Gäste hat sich rasend schnell gewandelt und wird sich noch schneller wandeln. Erfolgreiche Hoteliers haben damit aber kein Problem: Sie sind hohes Tempo gewohnt.