Wellness von Face bis Fuß
Erlebnisse der Wellnesserin Sonja Bräu (3.)
Kosmetik ist das, was Vera nahezu nie, ich selbst eher selten brauche. Wir beide sind – bei aller Bescheidenheit – von natürlicher Schönheit geschlagen. Ja, eine Reinigungsmilch natürlich schon, oder ein bisschen Augengel vielleicht. Aber kein Peeling oder Feuchtigkeitsfluid, nein.
Unsere angerunzelten
Häute erstrahlen in ihrer sich abzeichnenden Altertümlichkeit so oder
so. Und natürlich keine Wimperntusche, schon gar kein Wimpernfärben.
Nur manchmal ein bisschen herumzupfen an den Augenbrauen, das schon.
Sonst verlassen wir uns bisher auf die Elexiere von Garten und
Wegesrand. Ein paar Schlüsselblumen mit Quark gegen Hautunreinheiten
oder so.
Aber wie auch immer. Nun sind wir halt einmal in diesem
vornehmen Haus. Der Geschenkgutschein muss eingelöst werden. Und da ist
eben auch dieser Besuch in der Beautyfarm dabei. Eine Farm, eher eine
Mischung aus Beauty-Salon und Wartezimmer beim Schickimicki-Arzt:
italienisches Lichtdesign in dezentem Hellrot, Polsterung in intensivem
Dunkelrot, dezentes Wassergeplätscher im Hintergrund, zart blau
unterlegt. Das ist ja wirklich zum Schwachwerden.
Und die
umherwandelnden Beautypatienten? – Vorwiegend leicht verblühte
Patientinnen mit einem zarten Ausdruck von Leid in den Mundwinkeln; und
dies trotz weggespannter Halsfalten, flachgekleisterter Wangen und
kussbereiter Lippen.
Und Vera ist eben eine echte Freundin, sie
geht mit mir durch dick und dünn; also auch durch diese Beautyfarm. Und
so sitzen wir da, lassen unsere Füße das Sprudelbad genießen, die
Fußsohlenreflexzonen zart durchmassieren, wie es sich eben für ein
Food-Reflexology-Spa gehört. Nach dem Walken mit Jens, nach diesen
neunmalklugen Hinweisen mit seinem „Ferse zuerst aufsetzen“ oder „schön
den Fuß abrollen“ ist das jetzt genau das Richtige. Die
überdimensionale Fußsohle an der Wand zeigt mir, wo sich mein Magen,
meine Wirbelsäule und mein linker Augapfel auf der Fußsohle so
herumtreiben, wo Meridiane angeblich auftauchen und sich wieder
verabschieden. Bei solch dichter Information vergesse ich beinahe, mich
zu erholen. Ich bin ja schließlich zum Wellnessen hier. Gerne lasse ich
mich daher ablenken von den flackernden Biokerzen und dem Duft badender
Rosenblätter in der Messingschale. Nun bin ich voll im Hier und Jetzt.
Vera im Stand-by-Modus
Und
was ist mit Vera? Augen geschlossen, Lächeln auf den Lippen, Füße auch
im Sprudelbecken. Wahrscheinlich denkt sie an die Kussfischchen, von
denen sie vor ein paar Tagen geschwärmt hat; die sollen abgestorbene
Hautzellen abknabbern. Na Mahlzeit! Und irgendetwas scheint sie vor
sich hinzusummen. Alles ohne Walkman oder iPod. Und alles trotz Enia
aus dem Off der Konserve. Sie spüre den Rhythmus in ihrem Körper,
behauptet sie immer wieder standhaft. Diese Stöpsel werde sie sich erst
dann ins Ohr stecken, wenn sie einmal fast taub sein wird. Aber das
werde noch lange, lange dauern. Vera selbst ist Musik, ist Energie, ist
Temperament – wenn es sein soll. Im Moment allerdings alles im
Stand-by-Modus. So ruht nun Vera in sich, dass Kim vom Power Yoga von
vorhin ihre wahre Freude hätte.
Eine freundliche Karin – Haare
blondiert, geglättet, das Häutchen auch – hat sich mittlerweile zu mir
gesellt. Irgendwie erinnert sie mich an einen Weichspüler: Sanft, ein
Stimmchen wie ein Faserschmeichler.
Zuerst gibt es jetzt gleich eine
Tiefenreinigung, dann werde sie ein Peeling mit Mandelkleie machen,
darauf folge eine Gurken- oder Erdbeermaske. Welchen Geschmack ich denn
bevorzuge?, haucht sie. Während dieser Maskerade oder dazwischen werde
sie meine Wimpern färben, sich auch noch – oder eher nicht – um meine
Zehennägel kümmern. Das verspricht eine ganz neue Sonja zu werden.
Niemand wird mich wiedererkennen, Sonja von der schönsten Seite mit
einem 08/15-Kataloggesicht.
Fort meine frechen Lachfältchen, meine
geliebten Krähenfüße. Fort meine treuen Tränensäckchen? Alles fort und
weg, alles auf Gutschein.
Nur Wasser und Nivea
Dass
Vera hier nur mühsam zu überzeugen sein wird von Masken und Peelings
und Tagescremen, das habe ich schon geahnt. Eine zweite Kosmetikerin
sucht das Gespräch mit ihr. Hören kann ich nichts, ich sehe aber, Vera
hat ihren summenden Faulness-Zustand nun verlassen, sitzt stumm und
beinahe starr, schüttelt den Kopf, immer wieder, leicht aber bestimmt.
Da
sehe ich schwarz. Da nützt keine Faserschmeichlerstimme, keine
Einladung zu einer Maske mit Avocadofruchtfleisch und Eigelb. Nichts
wird es werden mit Augenbrauenzupfen und Wimpernfärben. Denn Veras
Verhältnis zu Kosmetik ist schon lange etwas gespalten.
Dazu muss
man Veras kosmetische Vergangenheit kennen, oder besser gesagt, jene
ihrer Tante – Marie, glaube ich, heißt sie. Also diese Tante Marie,
Ende 80 oder schon Anfang 90, ein Gesicht wie eine Tropfsteinhöhle,
mindestens ein Quadratmeter Haut, verteilt – oder eben nicht verteilt
–, eben gefaltet auf eine antiquierte Gesichtsfläche. Eineinhalb
Weltkriege, unzählige Heuernten, zwei überlebte Ehemänner – alles zu
lesen auf einem Quadratmeter Haut. Regelmäßig gepflegt, regelmäßig
wöchentlich, immer sonntags vor der Acht-Uhr-Messe, mit Quellwasser aus
dem Brunnen, mit Nivea aus der Blechdose. Und das wirklich mit größter
Konsequenz über die Jahrzehnte hindurch. Und diese Tante Marie hat
irgendwie Vorbildwirkung für Vera. Nein, nicht Männer und Heuernten und
so. Aber Haut und Wasser und Nivea.