Mit kulinarischer Leichtigkeit

Erlebnisse der Wellnesserin Sonja Bräu (2.)

Auf dem Weg zum Frühstück versuchte ich Vera klarzumachen, ihre Erwartungen an üppige Kalorienbomben am Morgen würden sich hier und heute ganz sicher nicht erfüllen. Denn Wellness habe auch etwas mit Harmonie, Gleichgewicht und Leichtigkeit zu tun. Ihr möge also jetzt schnell klar werden, in der kulinarischen Leichtigkeit und Bescheidenheit liege die wahre Kraftquelle.

Auf dem Weg zum Frühstück versuchte ich Vera klarzumachen, ihre Erwartungen an üppige Kalorienbomben am Morgen würden sich hier und heute ganz sicher nicht erfüllen. Denn Wellness habe auch etwas mit Harmonie, Gleichgewicht und Leichtigkeit zu tun. Ihr möge also jetzt schnell klar werden, in der kulinarischen Leichtigkeit und Bescheidenheit liege die wahre Kraftquelle. Vera konnte dazu nur ungläubig den Kopf schütteln. Das könne nun wirklich nicht sein. Power-Yoga habe sie hungrig gemacht und sie habe jetzt überhaupt keine Lust auf so Zeug wie Pumpernickel mit Topfenaufstrich und Petersiliendekoration. Wir flanieren nun schließlich – ich energetisiert von unserer kurzen Diskussion, Vera eher geladen – an bunten Platten und Schüsseln entlang. Ein farbenfrohes Angebot von diesem, jenem und allem – und das auch noch eher ausreichend. So viel Frühstücks-Wellness hatten wir uns nicht verdient. Veras Begeisterung erhält einen ersten Rückschlag: ein beinahe zwei Meter langes Teepulver- und Teebeutelarrangement. Vera und Tee? Nein, unmöglich. Wo es hier denn den Kaffe gäbe, will sie etwas ungehalten von der ahnungslosen Serviererin wissen.
Alle scheinen hier auf der Suche zu sein – nach etwas Gesundem, Vitalem, Kalorienfreiem. Und Vera und ich? Wir beide Wellness-Greenhörner? Wir irren hier offenbar unter routinierten Wellness-Profis umher in diesen Angebots-Alleen, die Frühstücksteller allerdings beinahe peinlich leer, eben bescheiden. Nur da oder dort, wohl platziert, der Hauch einer Scheibe Knäckebrot, im Windschatten eine halbe Kiwi, dies alles garniert mit sechs Sonnenblumenkernen. Gerade ertappe ich Vera, wie sie sich am warmen Tisch eine Ladung Bauchspeck mit Rührei aufladen will. Wir sind nicht hier, um unsere Bäuche zu füllen, fahre ich sie etwas forsch an. Wir sind hier, um gesund zu leben. Und während es mir mit Mühe gelingt, sie – immer noch etwas benommen von meiner rüden Attacke – in den Müslisektor zu schieben, erinnere ich Vera an die kulinarische Bescheidenheit als wahre Kraftquelle.
Meine Kurzpredigt beginnt mit den Haferflocken aus kontrolliertem biologischem Anbau, stolpert vom Leinsamenschrot zur vollwertigen Braunhirse. Aber irgendwie scheint Vera meine persönlichen inneren Zweifel gespürt zu haben. Denn etwas verloren stehen wir beide nun da, stochern jetzt stumm in unseren Körnerschüsselchen herum, den Duft von frittiertem Kalamari und frischen Omeletten mit Schokosauce in der Nase. Noch ein paar ungeschwefelte Rosinen zu den Vollwertflocken! Eine Dörrpflaume! Dazu auch giftgrüne Kürbiskerne. Kürbiskerne? Die sind doch nur für etwas für Männer! Na ja, schaden werden sie schon nicht.
Während ich nun wieder voll konzentriert mein basisches Öko-Potpourri komplettiere, muss es Vera gelungen sein, ihren Gelüsten am warmen Tisch doch noch nachzukommen. Wellness hat ja auch etwas mit Großmut zu tun. Großzügig sehe ich nun doch über ihre kulinarischen Entgleisungen hinweg. Tue so, als ob mich ihr Ernährungsverhalten gar nichts anginge. In kurzen Worten erklärt mir Vera während ihrer Kaupausen schließlich die Fresswelt. Es sei weniger wichtig, was man esse, das Wie sei entscheidend. Was jetzt ungesünder sei, die Hormone in dem Schweinebauchspeckfett oder die vitaminreichen Pestizide in dem Ökoschrot? Und überhaupt, sie als „Null“ – sie meinte, sie als Angehörige der Blutgruppe 0 – sei eben eine Fleischfresserin, brauche halt tierisches Eiweiß. Mir war ob solcher Frühstückskompetenz nur nach wortlosem Staunen. Paff nagte ich an meinen letzten Körnern.

Walken mit Jens

Das war zu erwarten. Wir sind zu spät. Die Walkergruppe ist schon in den Aufwärmrunden, alles dehnt und wippt und stretcht. Schnell huschen wir beide dazu. So viel kulinarischer Ballast muss ja schließlich verbraucht, verbrannt, verdaut werden. Etwas zur richtigen Haltung der Stöcke hören wir noch. Den Griff fest fassen und wieder lösen und alles rhythmisch. Ein Jens aus Lübeck erklärt die Walk-Welt. Und die Ferse setzt als Erstes auf, und das Knie nicht total strecken. Kann denn Gehen so schwierig sein? Vera hört nichts. Mit ihrem toleranten Aller­weltslächeln auf den Lippen lässt sie den Jens an ihren Griffen herumfummeln, harrt der Dinge zwischen einem offenbar fitten, leicht ergrauten Pärchen. Beide mit Stirnband, beide mit Handschuhen, beide leicht auf ihren Vorderfüßen federnd, fiebernd auf den Walk-Start. Vera scheint mit ihren Gedanken schon längst beim Nachmittagsprogramm zu sein – beim Peeling auf der Beautyfarm, bei einer ayurvedischen Fußmassage nach dem Bad im Reflexology Footspa. Streicheleinheiten, die würden mir jetzt auch gut tun. Wo wir unsere Pulsuhr haben, will dieser Jens aufgeregt wissen, holt uns zurück in die Walkerrealität. Von optimalem Pulsbereich, von Herzschlagvolumen, von Fettverbrennung ist die Rede. Dieser Reservetiroler will uns tatsächlich erklären, wie und wann unser Herz zu schlagen hat, wohin unsere Fettreserven verschwinden sollen. Dass meine Trinkflasche auch fehlt, merke ich erst viel später. Viel zu idyllisch war der Weglauf am friedlichen Bächlein – Geplätscher des Wassers, Geplaudere der Walk-Genießer. Und immer wieder Jensens Zurufe – schön den Fuß abrollen, aufrechte Körperhaltung, Schulter locker und solches Zeug. Und das fitte Pärchen? Das war uns schon weit vorausgeeilt. Immer schön links, zwo, drei, vier.

Für Face und Fuß

Tatsächlich, das Fußsprudelbecken gab es wirklich. Vera machte noch ein paar böse Witze über diesen Jens und das fitte Pärchen. Also los, auf die Beautyfarm! Mit Neugier zu Wellness für Face und Fuß ...

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