In Goldfingers heilenden Händen

Erlebnisse der Wellnesserin Sonja Bräu (4.)

Es sollte Anti-Aging für unsere Muskeln werden, der Auftritt und Eingriff von Golden Hand im Knet- & Streichel-Spa. Power-Yoga mit Kim oder Walken mit Jens – Vera und ich haben es sicher und nahezu unbeschadet hinter uns gebracht. Die Beautybehandlung fast ebenso, wenn auch jetzt mein Lächeln im Gesicht beinahe faltenfrei abläuft. 

Dass Goldfingers Auftritt aber jetzt wirklich notwendig ist, spüre ich in meinem Nacken. Dort hat sich nach Maske und Beauty eine Verspannung festgesetzt, die sich in unregelmäßigen Abständen mit einem Zucken meldet, das sich spontan, aber genüsslich bis zum rechten Schulterblatt ausbreitet. Übrigens, bei Vera zuckt gar nichts. Sie hatte in der Beautyfarm doch bald ihren Widerstand gegen Masken, Peeling und Health Touch aufgegeben. Ihre tropfnassen Füße nach dem Sprudelbad hat sie sich abtrocknen, pardon abtupfen lassen. Tropfen für Tröpfchen. Willfährig habe sie die rundum Gesichtsmassage von Stirn bis Kinn, bis Nacken und zum Dekolleté entgegengenommen. Und vom Salicylsäure-Peeling mit der natürlichen Säure der Weidenrinde schwärmte sie im Übermaß. Ja, bei Natur und echter Handarbeit wird eben auch Vera schwach. 

 

Apropos Handarbeit: So liegen wir also hier auf unseren Bäuchen – Vera eigentlich total entspannt, ich eigentlich nur mit ein paar Beautyzuckungen vom Nacken bis zum rechten Schulterblatt –, unsere Muskeln erwartend die heilenden Hände Team Goldfinger. Und jetzt, vorher, leider das noch. Wir erfahren, als krönenden Abschluss unserer Wellnesstage hat man für uns einen Gang in die Sauna vorbereitet. Gang und Sauna – so hat man das natürlich nicht gesagt. Von Besuch war da die Rede und von einem transpirativen Spa-Ressort, einem Terrarium, nein, Thermarium, Tepidarium oder so muss das wohl geheißen haben. Besuch ist gut. Besuch, lästert Vera, habe doch etwas mit Freiwilligkeit zu tun, mit Vorfreude auf etwas Schönes. Aber Sauna! Das hat doch immer etwas – und das wissen wir von unseren saunaerprobten Ehemännern – mit großer Hitze, sehr viel Schweiß und noch mehr Weizenbier zu tun. Und heute sollen also wirklich einmal wir zwei Wellnesserinnen das erleben müssen? Hitze, Schweiß und – …? Nein, Weizenbier? Nie!

 

Aber noch liege ich ja hier, sanfter Pianojazz rhythmisiert meinen Körper horizontal gegen null. Zumindest meine äußere Hülle. Denn innerlich bin ich aufgewühlt, was die bald folgende Saunahitze unter meiner Frauenhülle wohl aufwallen werde. Veras Lästermaul ist verstummt; sie lässt die Dinge – wie so oft – jetzt einfach auf sich zukommen. Irgendwo nebenan im Dom Silencio saugt ihr Körper die Streicheleinheiten ein. 

Ein hagerer Schatten hat sich nach kurzer Begrüßung schon über meinen Rücken hergemacht. Ich bin der Rudi. Mit der klassischen Rückenmassage habe er gerade begonnen. Er erklärt was von Kneten und Walken. Ja, das heiße so und gehöre dazu. Auch das Aprikosenkernöl. Und damit wird zuerst großflächig gestrichen, dann geknetet. 

Ob ich da etwas spüre, will er wissen. Mein Ja erstickt, jetzt hat er sie. Genau da ist sie, die Zuckstelle. Ist es hier? Natürlich ist es hier, sonst könnte ich ja zumindest zurückwinseln. Von Myofibrillen und Musculus trapezius bis Spina scapulae labert er mich voll. Wenn es schmerzt, soll ich mich melden. Mein Uhm und Ächz und Stöhn verstummt in meinem Atemschlitz. Denn mein mit Mandelkleie renoviertes Gesicht vergräbt sich immer tiefer in der Semi-medical-Spa-Unterlage. Woher dieses schlaksige Bürschchen diese Kraft nimmt? 

Rudi hat ausgestrichen, ausgeknetet. Er walkt mich hin und her. Ob ich Reiki kenne, will er wissen. Japanisch. Nur Handauflegen und Energie und warm und so. Nie mehr Rückenweh, keine Schulterbeschwerden mehr. Das wäre etwas für mein postbeautysches Schulterblattzucken. Und hier sitzt ihr Ischias. Ja, ich spüre und schnaube. Er drückt fester. Der Ischias scheint in Ordnung zu sein. Ach ja, dieses Reiki habe etwas. Meine Energieblockaden werden sich auflösen, alle Chakren geben wieder Vollgas. Der schmächtige Massageprotz versteht was von der Sache. Wer da am Piano spiele, will ich wissen. Keith Jarrett, Kölnkonzert. Kenne ich sicher.

Das nächste Mal spiele er selber, aber nicht am Piano. Da könne ich etwas Exotisches haben. Da werde er die Klangschalen anwerfen. Therapieren mit Klang und Ton und Schwung. 

Und nachher: Vera ist neugierig. Und, wie war‘s bei dir? Ich plaudere locker über mein anfängliches Schmerzglück im Musculus trapezius und dem Ischias – da staunt sie, die Vera, über meinen Fachwortschatz. Ich schwärme, dieser Schmerz sei schnell zum Glücksgefühl geworden, erzähle von meinem Wandel durch die Hallen der muskulären Lust. Ja, schon, genießen habe auch sie es können, meint Vera. Die Abdrücke der Hot Stones auf dem Rücken könne man noch sehen. Aber zu ihrem Entsetzen wollte man ihr eine Cellulite-Behandlung mit ägyptischen Vitalwickeln aufschwatzen. Vera und Cellulite! – Ja und sonst? Vera protzt. Ihre Masseurin habe alle Register gezogen: Thai-Massage Lanna Style, Lomi Lomi Nui, LaStone Therapy – alle Register. Angefühlt habe sich zwar alles irgendwie ähnlich. Und müde sei sie jetzt auch, saumüde. Und beinahe hätte sie das Ende verpennt. Hätte da nicht die Hopi-Kerze in ihrem Ohr zu rauchen begonnen. Mein lieber Schwan. Das sei knapp gewesen. Knapp am linken Ohrläppchen vorbei. Und das ganze Schmalz in dem Kerzenstummel soll aus ihrem Ohr gewesen sein. Und jetzt? Ohrläppchen ok, alles noch dran. Alles super. Well genesst entschweben wir dem Massage-Spa, erblicken an der Tür einen Kalender: Der Mond und sein Rhythmus. Wir schauen hin, schauen uns an, fragend. Wieder hin, und wieder an. Und Vera will wissen, wie heute eigentlich der Mond steht. – War jetzt das ganze Kneten und Beauty und Ohrenschmalz für die Katz?

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