Erlebnisse der Wellnesserin Sonja Bräu (6.)

So, das war’s. Heute beginnt das Leben neu. Die Tage des Entspannens, Bewegens und des Schweißtreibens liegen hinter mir. Ja, es gibt ein Leben nach Wellness. Aber wie sieht das aus? Sagen wir es so: auch eine Sonja braucht einmal Urlaub. Nach so viel Wellness brauche ich Erholung. Daher sollte jetzt und hier und heute auf dieser Seite von Well-Hotel gar nichts stehen. Ja wirklich, gar nichts stehen, nur etwas abgebildet sein.

Ein ganzseitiges Foto mit Sonnenschirm, Sandstrand, Meer oder so hätte ich mir vorgestellt. Und in der Bildunterschrift sollte zu lesen sein, ganz schlicht und einfach: „Sonja braucht Erholung, macht Urlaub von den Ferien.“ Oder es hätte ja nicht unbedingt ein Foto sein müssen. Es hätte sich ja auch unser Cartoonist Leisi meiner annehmen können. Eben mich mit ein paar Pinselstrichen mit Strohhut unter einer Kokos-Palme platzieren, an einem türkisblauen Strand irgendwo auf den Malediven oder sonst wo.

„Hör auf dein Inneres!“, hat die Kim in der Yoga-Lektion in den Raum gehaucht. „Spür deinen Körper! Hör auf deine innere Stimme! Sag auch einmal Nein!“ 

Da haben sie zuerst nur kurz geschluckt, dann sehr schnell etwas mitleidsvoll gelächelt und die Mundwinkel verzogen – die Herren von der Redaktion, diese Herrn Chefredakteure. Alle paar Monate Länge mal Breite über Wellness in allen möglichen Schattierungen schreiben, aber nicht den Hauch einer Ahnung, wie anstrengend, wie kraftraubend wellnessende Erholung sein kann. Kurzum: Nichts mit Ferien für Sonja, nichts mit Ausspannen, überhaupt nichts mit Erholung von Walken, Yoga, Beauty und Schweiß. Also nichts mit Körper und innere Stimme und Nein sagen.

Mein Leben nach Wellness beginnt unvermittelt und überraschend zugleich. Mein Heinzi registriert mich beiläufig: die Spülmaschine sei ausgefallen, Spaghetti habe er jetzt in allen Varianten verkostet, der Oma sei der eingelegte Knoblauch ausgegangen. Mit dem funktioniere ihre Verdauung so super und sie könne dann schlafen wie ein Brett. Und Michi und Sarah fänden die Diskussionen über die neue Sommerkollektion bei H&M mit ihrem Vater überhaupt nicht spannend. 

Ich bin also wieder voll da, voll zurück im richtigen Leben. Keine Zeit zur Rückkehr, zum Ankommen, voll drin im richtigen Leben.

Niemand will wissen, wie es war. Kein „Hast du dich erholt?“ oder „Wie war das Wetter?“ Ich könnte auch gar nichts erzählen! Und mir wird bewusst:

Normalerweise kommt man vom Urlaub zurück, braungebrannt, ein paar Kilo Schlafdefizit. Sechs Tage Sonnenschein – logisch. Badetücher immer frisch – sowieso. Interessante Menschen, die man kennenzulernen hat. Ja, eben, kennenlernen muss. Dieses pensionierte Ehepaar etwa – SIE gibt ungefragt Auskunft über alles, die günstigsten Flugangebote der vergangenen vier Wochen etwa. ER nickt nicht einmal mehr dazu, schweigt sich nur einen runter. Den ebenfalls verstummten, schon in die Jahre gekommenen Sohn habe man auch mit dabei. 

Das All-inclusive-Angebot war eben ein echtes Schnäppchen. Nichts von alledem hätte ich zu erzählen. Nichts muss ich verschweigen, etwa worüber man sich normalerweise zu ärgern hat. Über reservierte Liegen am Strand, natürlich Deutsche. Über grölende Russen im morgendlichen Wodkadunst mit wasserstoffblondiertem Aufputz. Also nach Wellness, nichts von alledem. 

Da kommt Veras Anruf gerade wie gerufen. Sie habe einen leichten Rückkehrkoller. Das reale Leben sei ihr zu heftig. Ob ich mitkomme, sie fahre auf einen Sprung zu ihrer alten Tante Marie. Ich wisse ja noch, das kleine Geschenk. Das wolle sie ihr vorbeibringen. 

Auf dem Weg zu Tante Marie geht’s die letzten Meter auf der Rue de la Gac leicht bergauf. Wir walzen da ein paar halb vertrocknete Kuhfladen platt, treffen Marie zwischen ihren Hühnern. Die Eier seien noch ganz warm, gerade frisch gelegt. Am Brunnen vor ihrem Hof macht sie sich mit ein paar Spritzern frisch. Welchen Tee sie uns anbieten darf? Einen „Guten-Abend-Tee“? Der beruhige uns nach einem hektischen Tag. Oder einen Fitness-Tee? Den habe ihr der junge Apotheker vor kurzem empfohlen. Hat der eine Ahnung, muss sie verschmitzt schmunzeln. Oder doch lieber einen Milchkaffee Marke Marie, mit ein paar Bohnen, etwas Malz und viel frischer Kuhmilch? Diese modernen Kreationen aus den komplizierten Maschinen habe sie leider nicht. Das brauche sie auch nicht, Latte Macciato, Cappuccino oder so. Obwohl: dieser George Clooney würde ihr schon gefallen.

Vera und ich staunen über die wache Marie, schlürfen ewig aus der großen Schale den Marie-Kaffee und erzählen. Von Bädern und Düften, Fußsohlenmassagen, Erholung und Entspannung. Und von der Beautyfarm. Und Marie steht da, lauscht barfüßig und rotwangig. Ja, baden tue sie auch manchmal, meist aber nur die Füße im Brunnen. Und zur Entspannung lege sie sich auf die warme Ofenbank. Und unser kleines Präsent? Also die Idee mit der Anti-Aging-Faltenfreicreme für Marie war dann schließlich doch nicht so günstig. Gefall ich euch etwa nicht? Dabei streicht sie sich das lange weiße Haar aus dem Gesicht, knotet es wieder flott zu einem Knäuel, wühlt sich durch ihre Wangen, stellt sich vor den Rest eines Spiegels an der Wand. Habt ihr etwas an meiner Haut auszusetzen? Also, wie könnte man! Also wir, nein, also wirklich.

Und später suchen wir etwas geläutert das Weite. Da, neben unserem Auto, die wahre Repräsentanz von tierischer Wellness, von Ruhe und Gelassenheit: Maries alte Kuh: schaut und kaut und ruht.

Zurück