Ankunft in den Wellness-Sternen ...
Erlebnisse der Wellnesserin Sonja Bräu (1.)
Dass meine Freundin Vera nach mühsamer Überzeugungsarbeit jetzt doch noch mitgefahren war, beruhigte mich irgendwie. Denn zwei Nächte, fast drei Tage mitten in den Tiroler Bergen? Ein Wochenende allein in diesem Bio-Wellness-Ressort? Allein? Nein! Vera lässt mich eben nicht im Stich. Und Geschenkgutschein hin oder her, Geschenkgutscheine muss man nun einmal annehmen – und auch einlösen.
Dass meine
Freundin Vera nach mühsamer Überzeugungsarbeit jetzt doch noch
mitgefahren war, beruhigte mich irgendwie. Denn zwei Nächte, fast drei
Tage mitten in den Tiroler Bergen? Ein Wochenende allein in diesem
Bio-Wellness-Ressort? Allein? Nein! Vera lässt mich eben nicht im
Stich. Und Geschenkgutschein hin oder her, Geschenkgutscheine muss man
nun einmal annehmen – und auch einlösen. Und 35 wird man schließlich
auch nicht so oft. Mit Vera sollte das alles viel einfacher werden.
Power-Yoga, Nordic-Walking, Behandlung in der Beautyfarm – mit all dem
konnte ich etwas anfangen. Aber Therapie mit Klangschale? Was soll das?
Ich hatte keine Ahnung.
Den heutigen Morgen hatte Vera allerdings
schon voll verschlafen. Mein lautes Flüstern, sanftes bis kräftiges
Schütteln, nichts hatte da Wirkung gezeigt. Vera lag tief vergraben in
ihrem Öko-Bett, pardon Schlafsystem, mit ergonomischem Lattenrost,
antiallergischem Federbett, mit in Honig getauchtem Pinienholz. Der
Duft und Komfort des futuristischen Schlafsystems und die „Sünden“ des
Vorabends zeigten ihre Wirkung. Da gab es so eine Lektion eines
selbsternannten Weingurus im Weinkeller unseres Hotels. Über die
heilende Wirkung von Rotwein, in Eichenfässern gelagert. Und Vera – bei
allem Respekt – sonst eher jenseits der gesunden Lebensart angesiedelt,
fand immer noch mehr Lust an der heilenden Kraft des Barrique.
Schlussendlich war sie vom Lederfauteuile verschlungen worden. Und
jetzt liegt sie tief eingegraben im heilsamen Polstersystem. Keine
Reaktion auf meine Weckbemühungen, ob sie nicht doch mitkommen wolle.
Ich will schließlich den Tag und das Angebot und die Morgenstunde
nützen.
Deshalb: ein guter Wellness-Tag hat mit Wasser zu
beginnen. Ein Bad im Pool, schwimmen vor dem Tagesprogramm, ein paar
Kraulbewegungen im Aquapool. Von wegen normales Bergquellsprudelwasser,
irgendwo war die Rede vom energetisierenden Grander-Wasser.
Schwimmen am Morgen
Allerdings,
oh Schreck, oh Schweiß. Mir treibt es den Schwitz schon beim Eintauchen
auf die Stirn, das Wasser, flüssige Grander-Energie –
Badewannentemperatur im aufdringlichen Plusbereich. Meine Armzüge mache
ich daher sehr verhalten. Das beruhigende Harfengeklimper im
Hintergrund passt da genau dazu. Es soll ja auch nicht durch
aggressives Wasserschwappen gestört werden. Nur ja keine Wellen
schlagen. Auf den Beinschlag muss ich komplett verzichten. Denn: am
seichten Beckenrand suhlen sich zwei Fleischberge weiblichen
Geschlechts auf Unterwasserdüsen, scheinbar unbeweglich. Ihre
strafenden Blicke und ihr Schnauben treffen zielsicher. Mich, den
störenden Eindringling. Ich glaube in den beiden jene zwei Damen zu
erkennen, die am Vorabend beim Begrüßungscocktail sehr schnell den Weg
vom Flüssigen zum Festen, vom Gelbe-Rüben-Cocktail zu den vegetarischen
Bauern-Brötchen gefunden haben. Dort, wo sie sich wohl länger
erfolgreich aufgehalten haben.
Also: Wellness ohne Grander-Wellen,
ein Wellness-Morgen verträgt keine Konflikte. Von positiven Energien
und innerem Lächeln war da was zu lesen in dem Prospekt. Also lasse ich
mich tragen von meinem inneren Lächeln. Negative Energien? Heute nicht,
keine Chance, ohne mich. Keine Aufregung am Beginn eines heilsamen
Wochenendes. Alles wird gut. Ein Tag mit Power-Yoga, Bio-Alpen-Sauna
und Gesichtsmassage im Beautyfarmbesuch liegt ja schließlich vor mir.
Meine zaghaften Kraulbewegungen, bleiben lustlos, noch immer bin ich im
Visier der beiden Spähaugen, die Missmut in meine Richtung versprühen.
Und schlussendlich bin ich fast noch dankbar: wer schwimmt schon gerne
bei Badewannentemperatur.
Zurück im Zimmer hat Vera schon geduscht.
Wo ich so lange bleibe. Sie habe schon einen Riesenappetit. So eine
Nacht in einem Biozimmer, bei offenem Fenster, das Rauschen des kleinen
Baches im Ohr, den Duft von frischgemähtem Gras in der Nase – das mache
eben hungrig. Nun kann der Tag auch für Vera beginnen. Vor dem
Frühstück ist allerdings noch Power-Yoga angesagt, auch für Vera.
Bei der Power-Yogi
Das
Zimmer ist kein Raum, das Zimmer ist eine einzige Duft- und Klangwolke,
gestylt wie ein indischer Tempel, zumindest wie er in der Phantasie von
uns Westlerinnen existiert. Irgendwo glaube ich das Om zu vernehmen.
Mitten drin ruht in sich ein lächelndes Mandelauge. Es spricht was von
innerer Reinigung, während ich gerade in der Kerze herumschaukle und
mein äußeres Gleichgewicht suche. Vera scheint das Ganze nicht wirklich
ernst zu nehmen, dieses indische Guru-Zeug. Aber mir zuliebe hat sie
sich doch eine Unterlage gesucht, weit hinten in der Ecke muss sie wohl
einen Platz gefunden haben. Ich will es genauer wissen, suche die Nähe
von Mandelauge Kim. Und Kim erklärt und zeigt und atmet, spricht über
Hatha und Tao, Mantra und Mudra. Und irgendwann zwischen Kobra und
Sonnengruß, zwischen Bauch- und Brustatmung merke ich, dass ich
tropfnass bin. 45 Minuten sind verflogen zwischen Tierfiguren und
Schnaubübungen, Krähe und einem heilenden Laut, eingekleidet in
Panflötengepfeife und Meeresrauschen. Ob Vera auch mitgemacht hat, kann
ich nicht sehen. Nur einmal signalisiert sie mir zwischen zwei eher
mittelalterlichen Herren – offenbar auch Yogagrünschnäbel – hindurch,
genug von Bewegung zu haben, endlich etwas Handfestes zwischen die
Zähne bekommen zu wollen.
Da wird auch mir klar: Grander-Wasser und Power-Yoga machen nicht satt. Frühstücksbuffet, wir kommen, höre ich Vera rufen ...